Liebe Leser,
unlängst besuchten wir eine Führung durch das Wiener Rathaus, ein Gebäudes, das sicher sehr viele Touristen schon photographiert haben - als Kulisse des alljährlichen Christkindlmarkts - aber vermutlich die wenigsten von innen gesehen haben.

Gebaut wurde es 1872-1883 im vorwiegend neugotischen Stil, nachdem der deutsche Architekt Friedrich von Schmidt die Ausschreibung dafür gewonnen hatte. Von Schmidt hatte sich davor vor allem durch den Entwurf und die Restaurierung von Kirchen verdient gemacht (er war auch Dombaumeister zu St. Stephan), das war also einer der wenigen Profanbauten von ihm. Dementsprechend sakral wirken auch so manche Elemente des Rathauses (das bis 1960 "Neues Rathaus" genannt wurde, da es das alte ersetzt hatte, das schon aus allen Nähten geplatzt war wegen der Eingemeindung der Vorstädte).
Heute arbeiten hier ca. 850 Angestellte. Dafür haben sie 1575 Räume zur Verfügung, die über 2,5km Gänge verbunden sind. Wenn sie gerade nichts zu tun haben, können sie aus 2035 Fenstern schauen.
Die Kosten der Errichtung wären heute "nur" 350 Mio.€ (zum Vergleich, alleine die Sanierung des Parlaments 2018-2023 hatte über 500 Mio.€ verschlungen).
Hier der große Arkadenhof, einer der 7 Innenhöfe. Erst 1989 wurde er für parkende Autos gesperrt. Das Rathaus ist aus Sandkalkstein gebaut und mit Naturstein verkleidet. Die letzte Restaurierung geschah 2012-2024, sodass das Rathaus zurzeit wie neu aussieht (davor war es durch die Luftverschmutzung von grauschwarzer Farbe)!

An der Spitze des höchsten der 5 Türme thront der "Rathausmann" (hier von hinten zu sehen), 3,4 m groß (mit der Fahne 5,4 m), in Form eines Standartenträgers in Rüstung. Er hätte die Schuhgröße 63! Vorbild war angeblich die Prunkrüstung Kaiser Maximilians I. Damit ist der Rathausturm insg. 103,3m hoch.

Über die repräsentative, um nicht zu sagen pompöse Feststiege gelangt man...

...in den Stadtsenats-Sitzungssaal. Hier tagt der Stadtsenat, aber es werden hier auch Pressekonferenzen abgehalten.

An der Wand hängen Gemälde der bisherigen, verstorbenen Bürgermeister. Der zuletzt verstorbene ist Helmut Zilk, der das Amt 1984-1994 innehatte und ev. bekannt ist als Opfer einer Briefbombe der Bajuwarischen Befreiungsarmee. Er hatte sich als Maler für sein Gemälde (im Bild ganz links) Maria Lassnig ausgesucht, eine zweifelhafte Wahl (aber er muss sein Bild ja auch nicht mehr betrachten)!
Da der Raum schon voll ist, wird das nächste Gemälde (voraussichtlich Michael Häupl (*1949)) an seiner statt aufgehängt und alle wandern eine Stelle nach rechts und das letzte landet dann in einem anderen Saal im Rathaus. Ist auch der Saal voll, wandert das letzte ins Museum Wien.
Ein prächtiger Ofen mit Fliesen im Majolika-Stil wurde von der Innung der Kaminmeister gestiftet, nur leider sah das Heizungskonzept des Rathauses nicht vor, dass der Saal einen Kamin haben sollte. Daher wurde der Ofen kurzerhand anstatt einer Tür eingesetzt, aber nie in Betrieb genommen.

Detail der Holzkassettendecke (mit echtem Blattgold vergoldet - man gönnt sich ja sonst nichts).

Weiter ging es in den Festsaal, der mit 71m Länge, 19m Breite und 17m Höhe der größte historische Saal Österreichs ist.

Hier werden Bälle gefeiert (über 1000 Paare können hier gleichzeitig tanzen!), finden Konzerte statt (meine Tochter hatte hier schon einmal gespielt), Gaming-Messen, Faschingsfeste oder sogar Schachturniere abgehalten, wie ich vor 6 Jahren hier einmal eines besucht hatte (das Vienna Open, das aber seit Corona offenbar nicht mehr durchgeführt wird).

Im Bild auch gut zu sehen die Lüftungsauslässe für die Heizung. Weil Damenstöckel beim Tanzen gerne einmal dort hängen bleiben, ist bei Bällen immer ein Schuster vor Ort, der solche Miseren sofort reparieren kann.
Insgesamt finden im Rathaus jährlich rund 800 Veranstaltungen statt.
Blick vom Festsaal quer über den Rathauspark zum Burgtheater. Als wir dort waren, wurde am Rathausplatz noch fleissig eisgelaufen.

In einer Nische in einem Korridor befindet sich - gut versteckt und von der Führerin gar nicht erwähnt - einer der wenigen Paternosteraufzüge, die in Wien noch in Betrieb sind.

Es ist immer wieder ein Erlebnis, mit einem Paternoster zu fahren. Da wir neugierig waren, haben wir eine "Ehrenrunde" gedreht und sind abwärts in den Keller gefahren (wo man aber nicht aussteigen kann) und auf der anderen Seite wieder nach oben gekommen 😃 (und oben natürlich genauso - wenn man schon einmal da ist, muss man es natürlich ausnützen). Wann bist Du zuletzt mit so einem Lift gefahren?

Im "kleinen" Wappensaal schmücken die Fahnen der 9 Landeshauptstädte die Wände, gestaltet von Hans Robert Pippal in den 1960er Jahren, davor waren hier Waffen ausgestellt, die ins Wien Museum umgesiedelt worden waren. Er wird heute verwendet für Ehrungen, Verleihungen und Empfänge.

Die Kristall-Luster stammen aber noch aus ca. 1880 und sind ein kleines Vermögen wert.

Das Highlight der Führung war der Gemeinderatssitzungssaal, der zuletzt 1964 renoviert wurde.

Unter der reichvergoldeten Edelholzkassettendecke hängt ein Jugendstil-Luster, der zuerst in Paris, bei der Weltausstellung in 1878 gezeigt wurde. Er ist auch von Friedrich von Schmidt konzipiert und wiegt 3,5 Tonnen - er hat den 2.Weltkrieg komplett unbeschadet überstanden (während nahezu alle Fenster durch Bombentreffer geborsten waren). Er war übrigens die erste elektrische Beleuchtung in Wien außerhalb des Kaiserpalastes.

Die Fresken über der Besuchergalerie (die Gemeinderatssitzungen sind öffentlich) stammen von Ludwig Mayer und zeigen unter anderem Glanzpunkte aus der Geschichte Wiens.

Die sitzende Frau mit dem blauen Kleid und dem weißen Umhang ist - natürlich - Maria Theresia, etwas links von ihr sitzt Wolfgang Amadeus Mozart und schreibt etwas in sein Ipad, ääh Buch.
An einem Korridor sieht man die Reproduktion eines Kupferstichs des Karthographen
Joseph Daniel von Huber, ca. aus 1770. Er zeigt Wien aus der Vogelperspektive (daher auch der Name Vogelschauplan), noch bevor die Befestigungsanlagen rund um die Innenstadt geschliffen wurden und die freie Fläche rundherum (das sogenannte Glacis) durch die Ringstraße und andere Bauten ersetzt wurden (ab ca. 1850). Auf der 3,5 x 4,15m2 großen Fläche ist jedes einzelne Haus(!) zu erkennen, die Befestigungsanlagen sind aber absichtlich nicht wirklichkeitsgetreu. Unten schlängelt sich die noch unregulierte Donau.

Damals war es noch nicht üblich, Landkarten nach Norden auszurichten, oft wurden sie in Richtung Orient ausgerichtet. Man spricht deshalb heute noch von "orientieren".
ACHTUNG: Wer als erster die Karlskirche entdeckt und einen Screenshot mit Einkreisung derselbigen in die Kommentare schickt, bekommt ein fettes Upvote!!
Last not least die frei zugängliche "Wienbibliothek im Rathaus". Ich muß gestehen, ich wußte gar nichts von deren Existenz, obwohl sie ein wunderschöner, zeitloser Ort für Bücher ist! Die besuchten wir aber nach der Führung, als sich die Besucher zerstreut hatten, wir aber noch das eine oder andere in aller Ruhe ansahen (daher konnte ich viele Fotos ohne störende Personen machen).

Der kleine, aber feine Lesesaal gilt als Geheimtipp unter Ruhesuchenden!

Im 1. Untergeschoß befindet sich nicht nur der (nicht öffentlich zugängliche) Tiefspeicher der Bibliothek (mit 30km Regallänge und unzähligen Handschriften und Nachlässen (Johan Nestroy, Karl Kraus, Egon Schiele,...)), sondern auch der 1899 eröffnete "Rathauskeller", ein Restaurant mit mehreren Sälen auf insg. 3500m2. Ein paar Einblicke hatte ich schon hier gesnappt, hier der "Grinzinger Keller" mit Riesenfaß (70.000l).

Auch im Keller: Die rathauseigene Druckerei, mit mehren riesigen Plakatdruckern.

Ich hoffe, diese Übersicht hat euch neugierig gemacht, bei Eurem nächsten Wienbesuch auch einmal das Rathaus einzuplanen!
Wo?
Stadtinformation Rathaus, 1010 Wien, Eingang Friedrich-Schmidt-Platz 1
Anmeldung zu einer Führung: https://ticket.wien.gv.at/STS/n8sdl/
Virtuelle Führung: https://www.wien.gv.at/rathaus/online-fuehrung
Wann?
Montag bis Freitag, 7.30 bis 17 Uhr
Quellen:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Rathaus
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Rathaus
Verwandte Posts:
Rathauspost von @vieanna aus 2018
Im Parlament
You can check out this post and your own profile on the map. Be part of the Worldmappin Community and join our Discord Channel to get in touch with other travelers, ask questions or just be updated on our latest features.
Wow! What an amazing place! Vienna is on my bucket list of places to visit. Maybe this summer.
!LUV
!MUSIC
!BEATCZ
Eines der Gebäude in Wien, das ich tatsächlich nur von Aussen kenne. Sehr prunkvolle Räume und der edle gemachte Paternoster Aufzug
Danke für die Führung
Lg 🤠
Ja, aber die Außenbezirke wurden zunehmend von "Goldstücken" geprägt und erinnern inzwischen an viele andere Großstädte – mit sozialem Verfall und erhöhter Kriminalität.
Die Philippines sind das Land der Psychopathen, und die meisten arbeiten in der philippinischen Regierung: [Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe 13/128
!discovery
!PIZZA
This post was shared and voted inside the discord by the curators team of discovery-it
Join our Community and follow our Curation Trail
Discovery-it is also a Witness, vote for us here
Delegate to us for passive income. Check our 80% fee-back Program
$PIZZA slices delivered:
@jlinaresp(3/15) tipped @stayoutoftherz
Please vote for pizza.witness!
QFrnD7N.png)