Wenn man verreist, stellt sich zuallererst immer die gleiche Frage: Wohin soll es denn diesmal gehen?
Und dabei hat man grundsätzlich erst einmal die Wahl zwischen etwas Neuem und etwas bereits Bekannten. Und bereits hier fällt es einem oft schon schwer, sich zu entscheiden. Denn beides hat seinen Reiz, und auch wenn es natürlich immer wichtig ist, mal wieder etwas Neues zu entdecken, macht es doch auch so viel Spaß, ein wenig in den eigenen Erinnerungen zu baden. Im Englischen gibt es dafür einen wundervollen Ausdruck: "To walk on memory lane".
Ach ja, die Straße der eigenen Erinnerungen wird im Laufe der Zeit immer länger. Und diese Gefühl, wenn dort unterwegs ist, diese süß-warme Melancholie, die einen dort umweht, will man auf einmal gar nicht mehr loslassen.
Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, dass es mich in den letzten Jahren immer mehr zu Orten zurückzieht, an denen ich schon einmal gewesen kann. Klar würde ich auch gerne mal wieder so richtig Neuland entdecken und in mir noch ganz unbekannte Städte, Länder und Kulturen eintauchen; aber am Ende ist alles eben auch eine Zeit- und Geldfrage. Aber nicht nur das, denn ich bin ja auch nicht mehr alleine unterwegs und muss nur mit mir selber ausmachen, in welche Richtung ich abbiege. Nein, ich habe jetzt immer auch mein kleines Team an meiner Seite, und mit dem stimme ich mich natürlich auch gerne ab.
Und da ich zusätzlich auch gerne den Reiseleiter spiele, führe ich dann dieses kleine aber feine Team dann eben auch an genau die Orte, die mir früher schon einmal gefallen haben. Eigene Erfahrungen helfen bei der Auswahl von Reisezielen ungemein, und es tut gut, diese Erfahrungen mit anderen zu teilen. Am besten an Ort und Stelle, dort wo man damals so eine gute Zeit hatte. Und wohin man doch eigentlich immer schon zurückkommen wollte!
Und wahrscheinlich war das dann auch der Hauptgrund, dass wir nach Kyoto gefahren sind. Für mich war es natürlich nicht der erste Besuch, aber es war schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal in der alten japanischen Kaiserstadt gewesen war. Aber mit ein klein wenig Vorbereitung hatte ich uns ein paar tolle Ziele rausgesucht, die für mich eigentlich alle auf der "Straße der Erinnerungen lagen". Und auch wenn es diesmal nicht wirklich Neuland zu entdecken gab, war ich wahrscheinlich genau so aufgeregt und voller Vorfreude wie der Rest meines kleinen Teams..
Aber ich verbringe schon wieder viel zu viel Zeit mit der Einleitung und lege jetzt besser mal los. Wir springen einfach noch mal zurück zum ersten Abend, wo wir nach unserer Ankunft noch ein wenig spazieren waren. Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir noch ein wenig mehr Zeit haben würden, aber so ist das ja eigentlich immer.
Mein Plan war eigentlich gewesen, noch den Tō-ji Tempel zu besuchen, der gar nicht so weit von unserer Unterkunft entfernt war und zu dem wir hinlaufen konnten. Aber wie so viele Sehenswürdigkeiten in Japan schließt auch der Tō-ji schon um 17 Uhr, so dass wir uns mit einer Runde um die Tempelmauern begnügen mussten. Aber auch von dort habe ich ein paar stimmungsvolle Bilder mitgebracht.
Und während wir nun einmal um die Tempelanlage herumlaufen, erzähle ich euch ein wenig darüber...
Der Tō-ji-Tempel liegt ganz in der Nähe des Kyoto Hauptbahnhofes und gehört zu den bedeutendsten buddhistischen Tempelanlagen Japans. Sein Name bedeutet „Östlicher Tempel“, da er einst zusammen mit dem inzwischen verschwundenen Sai-ji („Westlicher Tempel“) den südlichen Eingang zur alten Kaiserstadt bewachte. Heute ist Tō-ji vor allem für seine beeindruckende fünfstöckige Pagode bekannt, die mit einer Höhe von 55 Metern die höchste Holzpagode Japans ist und die man auch von der Straße aus sehr gut sehen kann.
Der Tempel wurde im Jahr 796 gegründet, nur wenige Jahre nachdem Kyoto zur Hauptstadt des feudalen Japans geworden war. Seit 1994 gehört er als Teil der UNESCO-Welterbestätte „Historisches Kyoto“ zum Weltkulturerbe und ist heute nicht nur ein wichtiger religiöser Ort, sondern auch eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Kyotos und ein bedeutendes Zeugnis der japanischen Kulturgeschichte.
Das Innere des Tempels war uns an diesem Tag leider verwehrt, aber es gibt verschiedene Hallen, die mit zahlreichen historischen und religiösen Statuen gefüllt sind, die einen Eindruck von der religiösen Kunst vergangener Jahrhunderte vermitteln sollen.
Viele Besucher schätzen außerdem die weitläufige Tempelanlage mit ihren Gärten und Teichen. Im Frühling blühen hier Kirschbäume, und im Herbst sind es die roten und goldenen Ahornblätter, die für eine besondere Stimmung sorgen. Jeden Monat am ersten Sonntag findet hier der große Flohmarkt „Kōbō-san“ statt, der Tausende Besucher anlockt. Den Flohmarkt hatte ich vor vielen Jahren mal gesehen und es damals ein wirklich interessantes Erlebnis gewesen.
Noch einmal zurück zur Pagode, die ganz eindeutig das Wahrzeichen des Tempels ist und auch eines der bekanntesten Symbole Kyotos. Sie wurde ursprünglich im Jahr 826 errichtet, jedoch mehrfach durch Brände zerstört. Die jetzige fünfstöckige Pagode in ihrer heutigen Form wurde im Jahre 1644 unter der Herrschaft des Shoguns Tokugawa Iemitsu wiederaufgebaut.
Wie man auch von meinen Fotos sehen kann, ist sie auch von außerhalb gut zu sehen und von vielen Stellen der Stadt kann man ihre Silhouette erkennen. Am Tag unserer Abfahrt waren wir an einem Aussichtspunkt in den Bergen und selbst von dort aus haben wir die Pagode ausmachen können. Meine Kamera hat einen ziemlich guten Zoom, so dass es auch euch nicht schwerfallen sollte, im letzten Foto die Pagode zu finden.
Naja, diesmal haben wir es nicht ins Innere der Tempelanlage geschafft, aber Kyoto hat ja in Sachen Tempeln zum Glück eine ganze Menge zu bieten. Wir mussten also gar keine schlechte Laune haben, sondern konnten uns einfach auf den nächsten Tag freuen, und auf all das, was noch vor uns lag. Genau in diesen Zustand würde ich jetzt gerne zurückkehren, aber im Augenblick bleibt mir nur ein Rückblick auf eine wundervolle Reise, die wie üblich viel zu schnell zu Ende war. Und welche ich gerne so schnell wie es nur geht wiederholen würde...

To-ji nur von aussen zu zeigen und dabei die Wahl zwischen Neuem und bereits Bekanntem in Kyoto gleich zu Beginn aufzumachen, gibt den Eindruecken eine ruhige Spannung.